Melis Sekmen | Bündnis 90 / Die Grünen

Frau Sekmen, die Grüne Ratsfraktion hatte kürzlich zu einem Speed-Dating eingeladen, obwohl einige der Ratsmitglieder verheiratet sind und bis zu drei Kinder haben. Wird hier nicht mit falschen Tatsachen gearbeitet?

Nein, wir versuchen natürlich mit unseren Veranstaltungen auch neue Formate zu erarbeiten, mit denen wir auch neue Menschen erreichen können und vor allem auch um das politische Engagement für die Bürgerinnen und Bürger schmackhafter zu machen. Es ist leider nicht mehr so, dass man ausschließlich mit klassischen Veranstaltungen ankommt, auch die Politik braucht Innovationen. Von daher war das eine gute Gelegenheit, uns als Personen und unsere Arbeit näher zu bringen.

Ach so, es war ein politisches Speed-Dating?

Genau.

Die Grünen haben gerade einen Höhenflug in den Umfragen. Daher stelle ich mir gerade vor, wie sich die Herren Kranz (Anm. der Fraktion: Fraktionsvorsitzender der CDU) und Eisenhauer (Anm. der Redaktion: Fraktionsvorsitzender der SPD) bei der Veranstaltung ein Wettrennen geliefert haben, wer als erster bei Ihnen am Start ist.

So einfach ist das bei den Beiden natürlich nicht, da müssen Herr Kranz und Herr Eisenhauer  schon mehr liefern. Vor allem entschlossene Bekenntnisse zu grünen Inhalten. Jede demokratische Person und Partei, die bereit ist sich mit unseren Positionen und Themen auseinanderzusetzen, sind willkommen und die sprechen wir auch gerne an.

Waren die Herren Kranz und Eisenhauer denn anwesend?

Nein, leider nicht. Aber die kennen uns ja auch ganz gut und wissen, was auf sie zukommt.

Die letzte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen hatte die Grünen in Mannheim bei rund 30 Prozent. Sie können bestimmt kaum noch gehen, vor lauter Kraft.

Bei Umfragewerten darf man nicht vergessen, dass es immer Momentaufnahmen sind. Für uns ist dieses Barometer an erster Stelle keine Siegesfeier sondern ein Auftrag

Das klingt sehr bescheiden.

Wir sind natürlich sehr dankbar für diesen Vertrauensvorschuss. Aber wir müssen in den nächsten Monaten liefern und die Wählerinnen und Wähler auch erreichen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Grünen dafür bekannt sind, Umfrageweltmeister zu sein, daher muss man wohl ein paar Prozentpunkte abziehen. Aber unter dem Strich bleibt, dass nichts unrealistisch ist, insbesondere im Blick auf die nächste Wahl.

Wenn es annähernd so kommen sollte, wie es die Umfragen zeigen, dann hätten Sie wohl Anrecht auf einen zweiten Bürgermeisterposten.

Diese Statements fallen oft. Wir als Partei und Fraktion versuchen jetzt erstmal das beste Ergebnis zu holen, dafür müssen wir mit unseren Inhalten kämpfen. Das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass der Klimaschutz in Mannheim eine starke Stimme bekommt. Dies auch vor allem mit den vielen jungen Menschen, die freitags demonstrieren. Mit mehr Stimmen muss man auch mehr Verantwortung übernehmen, aber darüber unterhalten wir uns nach dem 26.Mai , wenn die Ergebnisse da sind.

Mannheim war lange Zeit ein schwieriges Pflaster für die Grünen. Was hat sich geändert und was wird sich durch das Erstarken der Grünen jetzt ändern?

Mit starken Grünen werden die Menschen ein Mannheim bekommen, das stärker auf den Klimaschutz setzt. Ich glaube, der Klimaschutz ist jetzt viel präsenter, da wir auch die Auswirkungen viel stärker spüren. Denken Sie nur an den letzten Sommer. Wobei es uns ja im Vergleich zu anderen Ländern noch relativ gut geht. Es gibt viele Menschen, die sich wegen der Dürre nicht mehr ernähren können oder keinen Zugang zu Wasser mehr haben. Der letzte Sommer war eine Zeit, der den Menschen stärker die Augen geöffnet hat. Es ist ein anderes Bewusstsein entstanden wie man mit der Natur und seiner eigenen Umgebung umgeht. Davon profitieren wir, keine Frage. Aber wir haben es auch mit unserer Grünen Arbeit im Gemeinderat, im Land- und Bundestag geschafft, die Themen stärker zu setzen und auch die Menschen in verschiedenen Ebene und verschiedenen Kreisen zu erreichen. Diese Faktoren zusammengenommen haben dazu geführt. Zudem haben die Fridays for Future Demonstrationen nochmal richtigen Schwung in die Sache gebracht.

Sie werden jetzt auch weniger als Anhängsel der SPD wahrgenommen.

Ich habe mich nie als Anhängsel der SPD wahrgenommen. Ich denke, dass man sich in bestimmten Themen noch stärker differenzieren muss. Wir haben Inhalte, die wir gemeinsam teilen. Was auch gut ist, denn im Gemeinderat brauchen wir Partner, mit denen wir unsere Forderungen auch umsetzen können. Daher schadet uns eine schwache SPD. Oder anders ausgedrückt: angesichts des Rechtsrucks schaden uns schwache demokratische Parteien. Daher ist es wichtig, dass die Menschen die Unterschiede zwischen den Parteien erkennen können. Nicht in Mannheim, aber in der gesamtpolitischen Landschaft, hat man den inhaltlichen Unterschied nicht mehr ganz wahrnehmen können, was den Aufschwung der AfD begünstigt hat. Mannheim braucht eine starke Kraft, die unsere Stadt nach vorne bringt.

Welches sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen der Mannheimer Kommunalpolitik der nächsten fünf Jahre?

Erstens das Thema Verkehr, auch in Bezug auf den Klimaschutz. Hier müssen wir das Nahverkehrsangebot weiter ausbauen, um so den CO2 Ausstoß zu senken.

Zweitens Wohnungen. Wir haben es gerade bei Turley gesehen: Wir müssen uns eine Strategie überlegen, wie wir mit unseren Böden umgehen und wie wir bezahlbaren Wohnraum schaffen. Da brauchen wir mehr Modelle, denn alleine auf Investoren zu setzen hilft nicht immer. Wir müssen viel stärker auf die Möglichkeiten der öffentlichen Hand setzen, beispielsweise in dem man die GBG finanziell besser ausstattet.

Drittens das Thema soziale Gerechtigkeit. Wir sind eine Stadt, in der die Quote der Sozialhilfeempfänger hoch ist und es ist bekannt, dass Hartz IV auch vererbt wird. Das müssen wir verhindern. Die Zukunft eines Kindes darf nicht davon abhängen, in welchem Haushalt es aufwächst oder aus welchem Stadtteil es kommt. Diese Ungleichheit abzudecken ist Aufgabe des Staates und der Stadt. Kindern trotz ihrer Armut die gleichen Chancen geben, sich zu entwickeln. Das sage ich auch als jemand, der aus einer Arbeiterfamilie kommt. Da muss man sich gewisse Dinge viel stärker erarbeiten. Das kann man nicht von jedem Kind verlangen.

Sie plakatieren gerade „In Mannheim viel vor“. Was haben Sie denn vor, wenn Sie es auf drei Themen fokussieren.

Unsere drei Schwerpunktthemen sind: 1) Mehr grün für die Stadt. 2) Die Verkehrswende 3) Kinder

Was bedeutet „mehr grün“?

Wir wollen mehr Natur- und Erholungsräume in den Stadtteilen und in der Stadt schaffen. Dazu zählt eine gute Stadtentwicklung, die sich an den Bedarfen der Menschen und der Natur orientiert. Wenn wir von der Gestaltung des öffentlichen Raumes sprechen, zählt dazu beispielsweise das Neckarufer und die Rheinpromenade viel attraktiver zu gestalten; also mehr Freizeitmöglichkeiten schaffen.

Auch die Energiewende ist ein wichtiges Thema. Wir haben ja das Kohlekraftwerk in Neckarau, das unserer Meinung nach eine Fehlinvestition war. Der Klimaschutz wartet nicht auf die große Koalition. Wir müssen vielmehr schauen, dass wir unsere Versorgungssicherheit gewährleisten und die Strom- und Wärmeversorgung mit erneuerbaren Energien abdecken.

Der zweite Punkt war die Verkehrswende.

Hierzu zählt beispielsweise der Ausbau des Nahverkehrsangebotes mit mehr Bussen und Bahnen, einer engeren Taktung und günstigeren Tickets. Wir wollen den kostenlosen Nahverkehr an bestimmten Tagen erproben, den Radverkehr besser und sicherer ausbauen und beispielsweise das Car-Sharing-Angebot ausweiten.

Der dritte Punkt war „Kinder“.

Kinder sind die Zukunft dieser Stadt und wir müssen ihnen die besten Voraussetzungen im Bildungsbereich geben. Das bedeutet qualitative Betreuung und mehr Bildungsangebote sowieeinen besseren Zugang zu Freizeit-  und Kulturangeboten.

Werfen wir einen Blick in die Glaskugel, wie viele Mandate werden die Grünen am 26. Mai im Stadtrat holen?

Unser Ziel ist es, eine zweistellige Sitzanzahl zu bekommen und eine starke Fraktion zu werden.

Wie viele denn genau?

Ich denke, dass man mit solchen Prognosen vorsichtig sein muss. Wenn wir aber unsere gesamten Inhalte durchbringen wollen, benötigen wir eine progressive Mehrheit, die Mannheim nach Vorne bringt.

Sie sind mit gerade mal 25 Jahren bereits Spitzenkandidatin der Grünen in der zweitgrößten Stadt des Landes. Was treibt Sie eigentlich an?

Ich habe mit 20 Jahren angefangen, war bereits damals Spitzenkandidatin. Mein Interesse an der Politik im Allgemeinen, aber auch meine soziale Herkunft. Ich bin in der Neckarstadt West groß geworden und auf dem Waldhof. Wenn man in so einem Umfeld aufwächst, wo nicht alles gut läuft, dann hat man den Drang, auch etwas zu verändern und aktiv zu werden. Damit die Generationen, die nachkommen, die Schwierigkeiten, die ich beispielsweise hatte, nicht erleben müssen.

Klingt nach einer gehörigen Portion Aktivität.

Politik ist nichts für Sitzhasen. Wenn man Dinge verändern möchte, dann muss man sie auch aktiv anpacken und sich den Problemen annehmen und Lösungen schaffen.

Steckbrief

Melis Sekmen

Bündnis 90 / Die Grünen

Listenplatz 1

Schwetzingerstadt